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Ein surreales Fußball-Märchen: Ex-Borusse wird Star in einer Welt, die ihn schockte

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Ein surreales Fußball-Märchen: Ex-Borusse wird Star in einer Welt, die ihn schockte

In was für eine Situation war er da schon wieder hineingeraten? Über 3000 Kilometer weg von der Heimat, ohne Familie, ohne alles. Er sitzt in seinem Hotel in Aserbaidschan und wartet auf den Anruf. Er hat noch keine SIM-Karte. Irgendwas wird passieren. Irgendwas passiert immer. Um 17 Uhr endlich die Erlösung. "Lance, du musst in zehn Minuten draußen sein", sagt eine Stimme, und Joy-Lance Mickels packt seine Sachen. Er ist 27 Jahre alt, es ist der Sommer 2021. "Dann sind wir nach Masazir gefahren. Ich wusste nicht, wo Masazir liegt", sagt Mickels.

Auf der Fahrt schaut er aus dem Fenster, erst fliegt die Stadt vorbei, überall riecht es nach Abgasen, sein Kopf schwirrt. Aus der Stadt wird Landschaft, und jemand zeigt auf ein Gebäude. Doch das sieht Mickels gar nicht. "Ich habe nur die Kühe gesehen, die die Straße überquert haben", sagt er und fragt sich: "Wo bin ich gelandet?" Zurück im Hotel wählt er sich ins WLAN ein und ruft seine Verlobte Sabuha an. Er berichtet ihr von diesem "Schockmoment" und sagt: "Ich will direkt nach Hause." Sie antwortet ihm: "Du übertreibst. So schlimm kann es nicht sein." Sie sagt ihm: Du bleibst da, das ist die Chance.

Ein halbes Jahrzehnt später ist alles anders. "Das war die beste Entscheidung meines Lebens", sagt Mickels im Podcast "ntv Sport". Die Welt liegt ihm zu Füßen. Nicht die, die er sich ausgemalt hat. Vielleicht ist sie gerade deshalb so besonders. Joy-Lance Mickels, aufgewachsen am Niederrhein, ist ein Popstar in Ruanda, mit seinem Nationalteam auf dem Weg zum Africa Cup of Nations. Mickels ist einer, der in der Champions League jubelt. Sein Verein Sabah FK hat gerade seinen ersten Erfolg in der Königsklasse gefeiert, ein 2:0 gegen Slavia Prag. Mickels hat aus 35 Metern eines der kurioseren Tore dieser Saison erzielt und damit Geschichte geschrieben. Er ist der erste Nationalspieler Ruandas, der in der Königsklasse getroffen hat. Er ist der zweite Spieler Sabahs, dem das gelungen ist, und die UEFA zeichnet den 32-Jährigen wenig später als Man of the Match aus.

Wie aber konnte ein Junge vom Niederrhein mit Wurzeln in der DR Kongo ein Volksheld in Ruanda und ein Starspieler in Baku werden? Lange Zeit ist die Geschichte Mickels' eine, die hundertfach erzählt wird. Ein Talent macht sich auf den Weg in den Fußball und scheitert dabei an sich, an seinem Körper und an seinen Vereinen. Kurz vor der Pandemie, im Winter 2019/2020, ist Mickels' Karriere eigentlich schon vorbei. Mit großen Hoffnungen ist er nach Jahren in der Schweineliga, der Regionalliga West, zu Wacker Nordhausen gewechselt. In Thüringen planen sie Ende der 2010er-Jahre den Angriff auf die dritte Liga, Mickels soll dabei helfen. Der Plan scheitert krachend, der Verein geht in die Insolvenz, und mit ihm verschwinden Träume. Auch die von Mickels, der zum ersten Mal weiter weg von seiner Familie ist. Er fühlt sich einsam.

"Nicht zu wissen, wann das Geld kommt und zu lernen, wie man über die Runden kommen muss, das war hart", sagt er. "Ich habe keine Familie, die ich mal eben um 3000 oder 4000 Euro bitten kann, um meine Rechnungen zu bezahlen." Nicht nur der Verein hat schlechte Botschaften für ihn, auch sein Körper macht Probleme.

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