Viele Ernährungsdaten beruhen nur auf Erinnerungen
Stellen Sie sich vor, Sie kaufen ein Haus. Der Makler sagt: „Das Fundament ist stabil.“ Auf die Frage, wie er das wisse, antwortet er: „Der Vorbesitzer hat es mir erzählt.“ Niemand hat gemessen, gebohrt, geprüft.
Sie verlassen sich allein auf die Erinnerung eines Menschen, der sein eigenes Fundament vor Jahren zuletzt gesehen hat. Würden Sie einziehen? Genau nach diesem Prinzip entstehen all die großen Beobachtungsstudien, auf denen zahlreiche Ernährungsempfehlungen beruhen.
Uwe Knop ist evidenzbasierter Ernährungswissenschaftler, der fundierte Orientierung für selbstbestimmte Ernährungsentscheidungen bietet. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle .
Ein Großteil der großen Ernährungsstudien beruht auf sogenannten Selbstauskünften . Probanden füllen Fragebögen aus und geben an, was sie in der letzten Woche, im letzten Monat oder gar im letzten Jahr gegessen haben. Aus diesen Angaben entstehen Korrelationen: Wer viel Rotes Fleisch angibt, hat scheinbar ein höheres Risiko für dieses oder jenes. Wer viel Obst angibt, ein niedrigeres. Das Problem: Im Regelfall kontrolliert niemand, ob diese Angaben stimmen.
Es gibt keinen Chip im Kühlschrank, keine Kamera am Esstisch. Die Datenbasis der Beobachtungsstudien beruht auf dem, was Menschen sich zu erinnern glauben – oder zuzugeben bereit sind. Methodenstudien zeigen seit Jahrzehnten, dass Selbstauskünfte über die Ernährung häufig erhebliche Fehler enthalten. Trotzdem bilden genau diese Angaben bis heute die Grundlage des größten Teils der Ernährungs-Epidemiologie . Das ist kein Randproblem, sondern eine grundlegende methodische Schwäche, die die Ernährungs-Epidemiologie seit Jahrzehnten begleitet.
Ein Blick auf reale Erhebungsinstrumente zeigt, wie hoch die Hürde tatsächlich liegt. Der Fragebogen der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) etwa umfasst über fünfzig Einzelfragen zu Verzehrshäufigkeit und -menge der letzten vier Wochen. Bei der EPIC-Potsdam-Studie – einer der einflussreichsten Ernährungskohorten Europas – stellte sich der ursprüngliche Fragebogen sogar als zu kompliziert für ein selbstständiges Ausfüllen heraus und musste vereinfacht werden.
Stellen Sie sich selbst die Frage: Wie oft haben Sie in den letzten vier Wochen genau Vollkornbrot gegessen – im Unterschied zu Mischbrot? Wie viele Gramm Butter kamen aufs Brot, im Schnitt, über vier Wochen? Wer hier ehrlich zögert, hat das zentrale methodische Problem solcher Studien bereits verstanden.
Studien zum sogenannten Under-Reporting zeigen seit Jahrzehnten: Menschen geben systematisch weniger an, als sie tatsächlich essen – bei Kalorien teilweise 20 bis 50 Prozent weniger. Besonders betroffen sind Alkohol, Zucker, Snacks und Fett – also genau die Bereiche, die am stärksten sozial „unerwünscht“ gelten.
Dahinter steckt selten böse Absicht. Zwei Mechanismen greifen ineinander: Zum einen die schlichte Unmöglichkeit, sich an jede Kleinigkeit zu erinnern – wer weiß schon drei Wochen später noch, ob es zwei oder drei Kekse waren, und trägt dann einfach eine plausibel klingende Zahl ein.
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