Linke in Sachsen-Anhalt: „Achtung, die Volkssolidarität!“
Auf der schmalen Straße vor der Stephanskirche erklärt die Stadtführerin ihren Parteigenossen, dass in diesem Bereich von Tangermünde früher die adeligen Leute gelebt hätten. „Also ich“, wirft die sachsen-anhaltische Spitzenkandidatin der Linkspartei keck ein. „Jawoll, Frau von Angern“, frotzeln die anwesenden Genossen zurück.
Da biegt der Kleinwagen eines Pflegedienstes um die Ecke und begehrt Durchlass. „Achtung, die Volkssolidarität!“, ruft ein älteres Parteimitglied, aus dessen Sicht es sich offenkundig nicht um einen x-beliebigen Pflegedienst handelt, sondern um einen Verbündeten aus alten Zeiten. Einige Häuser weiter sei übrigens die Arbeiterwohlfahrt angesiedelt, fällt einem anderen Linken-Mitglied bei dieser Gelegenheit ein. „Die AWO?“, fragt die Stadtführerin: „Die ist doch SPD-nah!“
So stellt sich die politische Geographie im Bereich der Sozialverbände also aus Sicht der Linkspartei dar: Volkssolidarität – verbündet; Arbeiterwohlfahrt – nicht verbündet. Doch Eva von Angern sagt: „Ich sitze bei der AWO im Präsidium.“
Die kleine Szene während der Stadtführung verdeutlicht, wie die 49 Jahre alte Fraktionsvorsitzende der Linkspartei im Magdeburger Landtag vormals festgefügte Abgrenzungen verwischt. Eva von Angern entstammt einem alten Adelsgeschlecht, ist Juristin und hat ihre Partei in den vergangenen Jahren behutsam geöffnet.
Die verheiratete Mutter von drei Kindern hat verlässliche und gefestigte Gesprächskanäle bis in die Reihen der CDU aufgebaut. Im Frühjahr mündeten sie in eine gemeinsam getragene Parlamentsreform, die zuvor über Monate gemeinsam und vertraulich erarbeitet wurde. Auf dem Bundesparteitag der Linkspartei hat von Angern verhindert, dass ihre Partei sich gegen eine künftige Zusammenarbeit mit der CDU wendet. Von Angerns Kurs scheint klar: Sollte die CDU nach der Wahl weiterhin die Möglichkeit haben, den Ministerpräsidenten zu stellen, würde die sachsen-anhaltische Linkspartei ihr dazu die Hand reichen.
Zum Beleg hat Eva von Angern den früheren thüringischen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow mit nach Tangermünde gebracht, den personifizierten Pragmatismus innerhalb der Linkspartei. „Wir müssen lernen, beweglicher zu werden“, fordert Ramelow und hat dabei neben seiner eigenen Partei vor allem die CDU im Blick, in der nicht nur ein Unvereinbarkeitsbeschluss in Richtung AfD gilt, sondern auch in Richtung der Linkspartei. Dieser Beschluss bezieht sich auf „Koalitionen und ähnliche Formen der Zusammenarbeit“. Man müsste in Magdeburg also ähnlich wie zuvor in Dresden und Erfurt eine andere, weniger formelle Zusammenarbeit definieren.
Die Frage ist allerdings, welchen Preis die Linke dafür verlangt, die in den Umfragen stabil bei 13 Prozent liegt. Ein Blick in ihr Wahlprogramm lässt darauf schließen, dass er nicht gering sein wird: Die Partei will viel mehr Geld für den öffentlichen Nahverkehr mit engeren Taktungen und neuen Strecken, beitragsfreie Kitas, ein Landespflegegeld von 1500 Euro, und so geht es munter weiter. Wer soll das finanzieren angesichts eines absaufenden Landeshaushalts? „Natürlich wird der erste Landeshaushalt ein Riesenproblem werden“, gesteht Eva von Angern auf Rückfrage zu.
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